Gespräch mit Rudi Duschek, dem damaligen Sprecher (SVZ, 27.
August 2007)
1. Die große Koalition in Berlin streitet gerade
über Wege zur Bekämpfung der Kinderarmut in Deutschland. Wie
groß ist die Kinderarmut derzeit Mecklenburg-Vorpommern?
Nach den jüngsten
Veröffentlichungen des Bremer Instituts für Arbeitsmarktforschung und
Jugendberufshilfe (BIAJ) lebten im März 2007 in MV 59.499 Kinder in SGB II
- Bedarfsgemeinschaften. Das sind 33,6% aller Kinder unter 15 Jahre, die auf
Sozialleistungen angewiesen sind ; d.h. jedes 3. Kind in MV lebt unter
Armutsbedingungen. Die vom BIAJ für unser Land veröffentlichten Werte
decken sich mit denen, die auch die LAK MV ermittelte. Damit hat
Mecklenburg-Vorpommern die zweithöchste Kinderarmutsquote in der
Bundesrepublik. Nur Brandenburg hat einen noch schlechteren Wert.
2. Woran liegt es, dass die Kinderarmut
im Land in den vergangenen Jahren zugenommen hat?
Kinder sind deshalb arm, weil ihre Eltern es sind. Diese wiederum sind arm,
weil sie arbeitslos sind, Arbeitslosengeld II beziehen oder weil sie für
ein Entgelt arbeiten (müssen), das nur ein Leben von der Hand in den Mund
zuläßt. Die Hauptursache des dramatischen Anstiegs der Kinderarmut
liegt zweifelsfrei in der Hartz 4 - Gesetzgebung. Die
Einkommensverhältnisse haben sich für viele Betroffene drastisch
verschlechtert. Die Regelsätze decken insbesondere für Kinder nicht
annähernd den realen Bedarf ab, den z.B. Schulkinder hinsichtlich gesunder
Ernährung, oder ihres Wachstums- und Schulbedarfs haben. In diesem Sinne
ist das gewachsene Interesse an Kindern in Armut zu begrüßen.
Nährt es doch die Hoffnung auf Verbesserung.
3. Was bedeutet es für Kinder, von
Hartz IV leben zu müssen?
Hartz 4 bedeutet in erster Linie Einkommensarmut. Die sozialen Folgen von
Hartz 4 jedoch sind für Kinder, da sie in der Regel Langzeitwirkung haben,
besonders nachteilig. Das beginnt bei der statistisch nachgewiesenen
Chancenungleichheit in der Schul- und Berufsausbildung und der Nichtteilhabe am
gesellschaftlichen Leben, wie z.B. am organisierten Vereinssport. Das setzt
sich im täglichen Leben fort mit dem Verzicht auf Kino- oder
Theaterbesuche, der Nichtteilnahme an Kinderferienlagern und Bildungsveranstaltungen
und mündet sehr häufig in einer sozialen Isolierung bzw. in
ungewollten Cliquenbildungen. Der Lebensalltag von Hartz 4 - Kindern verletzt
häufig deren Menschenwürde sowie deren Perspektiven für ein
weiteres, sinnerfülltes Leben.
4. Nach Berechnungen von Bündnis 90
/ Die Grünen liegt ausgerechnet Greifswald bei der Kinderarmut bundesweit
mit an der Spitze * eine Stadt, die bei einer aktuellen Prognos-Studie den
Titel *schnellster Aufsteiger“ erhielt. Warum kommt der Aufschwung nicht
bei den ALG-II-Empfängern an?
Ja, das ist so. Der Aufschwung ist in Greifswald und einigen anderen Regionen
Mecklenburg- Vorpommerns, was die Arbeitslosigkeit, die
Einkommensverhältnisse und die konkrete soziale Lage vieler Menschen
betrifft, noch nicht angekommen. Mir scheint, dass viele Investitionen
getätigt wurden, ohne deren soziale Wirkungen in der Region zu
hinterfragen. Übrigens befinden sich insgesamt 5 Kreise bzw. kreisfreie
Städte unseres Landes (Schwerin, Uecker-Randow, Stralsund, Greifswald und
Wismar) hinsichtlich der Kinderarmutsquote unter den zehn mit den höchsten
Werten im Bundesgebiet.
Ob der Aufschwung auch die ALG II-Empfänger erreicht oder nicht, ist,
solange es keinen massiven öffentlichen Protest dagegen gibt, allein dem
politischen Willen der Regierenden und den Profitinteressen der wirtschaftlich
Mächtigen geschuldet – im gewissen Sinne auch den Wählern.
5. Was müsste Ihrer Meinung nach auf Bundesebene
getan werden: ein Kinderzuschlag für Geringverdiener und ein nach Zahl der
Kinder gestaffeltes Kindergeld, wie es Familienministerin von der Leyen (CDU)
bevorzugt, oder ein Kinderzuschlag plus Mindestlöhne, wie es die SPD
vorschlägt?
Aus meiner Sicht ist Ihre Frage in
der Form „Entweder / Oder“ nur schwer zu beantworten. Es sind sowohl
existenzsichernde Mindestlöhne notwendig wie auch eine
schnellstmögliche Anpassung der Regelsätze, speziell auch der
Kinderregelsätze, an der aktuellen, realen Einkommens- und
Verbrauchsstichprobe (EVS) , die sich für Erwachsene etwa zwischen 440 -
500 Euro bewegt. Das wäre nach meiner Auffassung zur
Einkommensverbesserung der ALG II – Empfänger und damit zur
Bekämpfung der Kinderarmut die dringensten Forderungen.
6. Der Arbeitslosenverband in MV fordert,
dass staatliche Kindergeld nicht mehr mit der Grundsicherung gegenzurechnen.
Ist das auch aus Ihrer Sicht der richtige Weg?
Ja, das wäre für die Betroffenen sehr hilfreich und ein
völlig richtiger Weg, weil er wenigstens die Einkommenssituation der
Bedarfgemeinschaften mit Kindern etwas entlasten würde.
Aber diese Forderung bzw. Maßnahme dürfte nur ein erster Schritt
sein.
7. Was muss in Mecklenburg-Vorpommern
passieren, um die Kinderarmut zu senken?
Die Hartz 4 - Gesetze sind Bundesgesetze. Hier wäre seitens der
Landesregierung eine Bundesratsinitiative möglich und auch erforderlich.
Die Landesarmutskonferenz hat am 11.10.2006 ein Thesenpapier zur Kinderarmut im
Lande und zu den Bildungschancen armer Kinder veröffentlicht und allen
Landtagsfraktionen, Landräten und OBs zugesandt – leider mit einer
geringen Resonanz.
Die Regierung sollte offen zur sozialen Situation, speziell zur
Armutsproblematik Stellung nehmen und die Arbeiten am Armuts- und
Reichtumsbericht mit den notwendigen Schlußfolgerungen daraus wieder
aufnehmen. Für viele Menschen im Lande ist das Verhältnis der
Parteien und der Regierung zur sozialen und speziell zur Armutssituation in MV
ein Maßstab für deren Glaubwürdigkeit und Wählbarkeit.
Den zahlreichen kommunalen Initiativen empfehlen wir, sich über den
konkreten Umfang der Kinderarmut ein Bild zu machen und gemeinsam dafür zu
wirken, dass Massnahmen zur Linderung der Folgen von Kinderarmut in die
Haushaltspläne der Kommunen und Kreise aufgenommen werden.
In eigener Sache möchte ich noch gern hinzufügen: Die
Landesarmutskonferenz MV und ihr Sprecherrat sind sehr an einem
Gedankenaustausch und einer Zusammenarbeit mit allen Initiativen und Vereinen
interessiert, die sich mit konkreten Maßnahmen der Armutsbekämpfung
beschäftigen und Erfahrungen vermitteln können (03834 502436).