Kinderarmut und Gesundheit, Fachforum Schwerin 7. Mai 2008

 

Kinder sind arm, weil ihre Eltern es sind. Kinder werden durchschnittlich häufiger krank, wenn sie in armen Verhältnissen leben und aufwachsen müssen.
Sozialwissenschaftliche Studien und praktische Erfahrungen von Medizinern in Deutschland belegen:
Aus der Pränatalforschung ist bekannt, dass sich die sozialen Verhältnisse und die Lebensweise der werdenden Mutter auf die embryonale Entwicklung des Kindes auswirken.
Auswertungen von Einschulungsuntersuchungen bestätigen, dass fast doppelt so häufig bei Kindern aus sozial benachteiligten und bildungsfernen Familien die Notwendigkeit einer Frühförderung diagnostiziert wird als bei Kindern aus höheren sozialen Schichten.
Sinn einer Frühförderung ist eine zeitige therapeutische Intervention zur Kompensation von Entwicklungsstörungen.
Ernährungswissenschaftler weisen darauf hin, dass die finanziellen Möglichkeiten von Familien, die auf Sozialhilfeniveau leben, eine ausreichende und ausgewogene Ernährung entsprechend den Regeln der Deutschen Gesellschaft für Ernährung als fast unmöglich erscheinen lässt. Kennzeichen der Mangel- und Fehlernährung ist eine fettreiche und vitaminarme Kost sowie ein geringerer Kohlehydrat- und Obstanteil als im Bevölkerungsdurchschnitt.
Die Sportwissenschaft hat schon sehr früh auf den Zusammenhang zwischen Gesundheitsförderung und sportlichen Aktivitäten hingewiesen. So ist häufig bei sozial benachteiligten Kindern ein Bewegungsmangel feststellbar, der die kompensatorische und entlastende Wirkung sportlicher Betätigung in Hinblick auf Stressbewältigung und Gesundheitsprävention im Alltag kaum zur Entfaltung bringt bzw. individuell kaum nutzbar gemacht werden kann.
Die gesundheitliche Defizite von Kindern aus prekären Verhältnissen, die bei Vorschuluntersuchungen in Greifswald festgestellt wurden, sind:
Psychovegetative Krankheitssymptome (psychophysische Belastbarkeit), Übergewicht, Zahngesundheitsstörungen (Karies, Zahnfehlstellungen), Sprachstörungen, Verhaltensauffälligkeiten, Probleme bei der Grob- und Feinmotorik sowie bei der Merkfähigkeit und beim Abstraktionsvermögen.
Untersuchungen weisen Zusammenhänge zwischen dem Sozialstatus von Kindern und deren Gesundheitsrisiken auf, verursacht durch unzureichenden Impfschutz und unzureichende Teilnahme an den Vorsorgeuntersuchungen U8 und U9 sowie Zahnerkrankungen, Gewaltanwendung gegenüber Kindern, Beteiligung an Unfällen und insbesondere psychosomatische Erkrankungen.
In Mecklenburg-Vorpommern leben 59.499 Kinder (33,6 %) bis 15 Jahren in Bedarfsgemeinschaften mit Hartz IV-Bezug, also unter Armutsbedingungen.
Damit liegt MV an 15. Stelle der 16 Bundesländer.

 

 

 

LAK-Presseerklärung vom 7. Mai 2008
Die Landesarmutskonferenz MV ist ein Forum von Spitzenverbänden der Freien Wohlfahrts-pflege, Gewerkschaften, Vereinen, Personen und Initiativen, die mit ihrer Arbeit dazu beitragen, Armut vorzubeugen, sie zu überwinden sowie von Armut betroffenen und bedrohten Menschen zu unterstützen.
Das Fachforum, das auf Initiative der Landesarmutskonferenz Mecklenburg-Vorpommern am 7.Mai in Schwerin tagt, beschäftigt sich mit der Thematik Kinderarmut und Gesundheit. Es setzt damit die öffentliche Auseinandersetzung mit der Kinderarmut im Lande und der Ent-wicklung von Gegenstrategien fort, die mit einer Beratung am 11.10.2006 in Güstrow begann und den Zusammenhang von Kinderarmut und Bildung behandelte.
Die Armut ist ein soziales Phänomen, das zumeist als Einkommensarmut wahrgenommen wird. Da mit den Bundesgesetzen SGB II und XII, auch als Hartz 4 - Gesetze bekannt, nachweislich die Armut und hier besonders die Kinderarmut im Lande enorm zunahm, kon-zentrierte sich die LAK MV in ihrer Tätigkeit darauf, die unmittelbaren Auswirkungen von Ar-mut auf Kinder zu thematisieren.
In Mecklenburg-Vorpommern leben (Stand: März 2007) 59.500 Kinder (33,6%) bis 15 Jahre in Bedarfsgemeinschaften mit Hartz 4 – Bezug - also unter Armutsbedingungen. Damit liegt MV an der 15. Stelle der 16 Bundesländer.
Da ein Zusammenhang zwischen dem Sozialstatus von Kindern und ihres Gesundheitszustandes bzw. ihrer Lebenserwartung durch sozialwissenschaftliche Studien und durch prakti-sche Erfahrungen von Medizinern als nachgewiesen gilt, fordert die Landesarmutskonferenz MV insbesondere von der Bundes-, Landes- und Kommunalpolitik :
- Gesetzliche Maßnahmen zur Verbesserung der sozialökonomischen Situation von Armut betroffener Menschen ( Regelsatzanpassung, Schaffung von existenzsichern-den Arbeitsplätzen, Mindestlohn u.a.)
- Thematisierung des Zusammenhanges von Armut und Gesundheit in der Aus- und Fortbildung sowie Vernetzung von Gesundheits- und Sozialberichterstattung
- Entwicklung und Stärkung der Elternkompetenz und deren Eigeninitiative in betroffe-nen Familien
- Gesetzliche Regelungen zur verpflichtenden Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen
- Einführung eines kostenlosen Vorschuljahres sowie das Ermöglichen einer kostenlosen Teilnahme am Mittagessen für Kita- und Grundschulkinder aus einkommens-schwachen Familien
- Förderung kostengünstiger Freizeitangebote (Sportvereine, Schwimmbäder, Ferien-camps, kultureller Veranstaltungen u.a.) für Kinder aus armen Familien
Die Mitglieder der LAK MV werden sich in ihren Vereinen, in den Städten und Regionen des Landes sowie gegenüber der Politik dafür einsetzen, dass über die vorgeschlagenen Maß-nahmen beraten wird, und dass künftig mehr Mittel zur Bekämpfung der Folgen von Kinder-armut in die Haushaltspläne eingestellt werden.
Dabei rechnen wir mit einer breiten Unterstützung durch die Bevölkerung.

 

Dokumentation der Veranstaltung

 

 

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